Aus der Reihe Wohnprojekte im Regierungsbezirk Arnsberg - barrierefrei und inklusiv
In der VHS-Küche Dortmund wurde einen Abend lang gekocht: Rund 20 Teilnehmende vom Verein Wohnen und Teilhabe inklusiv e.V. und neue Wohn-Interessent*innen waren in kleinen Gruppen damit beschäftigt, drei ausgewählte Rezepte zu kochen: vom Vorspeiseteller mit Salat und Shrimps über ein raffiniertes Semmelknödel-Rezept mit Pfifferlingen bis zu einer fruchtigen Erdbeernachspeise wurden aus einem großen Zutatenangebot in gemeinschaftlicher Schnippelei die leckeren Gerichte hergestellt.
In Zweier- oder Dreierteams wurden erste Lieblingsaufgaben übernommen. Im Lauf des Abends kamen weitere Arbeitsschritte dazu. Vom Zwiebelschneiden bis zum Formen der Semmelknödel war einiges zu tun. Und zwar nicht irgendwie, sondern möglichst effizient. Professionelle Anleitung gab es dabei von Diederich Hespen. Zwischendurch wurde schonmal über die beste Möglichkeit, den Knoblauch zu verarbeiten diskutiert. Um festzustellen: es gibt meistens verschiedene Möglichkeiten, die Dinge zu erledigen. Positiver Effekt des Kochkurses: Die Teilnehmenden erlernen neue Fertigkeiten für ihr selbständiges Leben und wissen auch, mit wem sie zukünftig zusammenleben werden. „Das ist wirklich schön. Die Gruppe festigt sich dadurch, alle gehen sehr gerne dorthin“, so Monika Scholz vom Vereinsvorstand. Der Kochkurs wird über drei Jahre durch die Aktion Mensch gefördert und kann dadurch (noch 1,5 Jahre lang) kostenlos angeboten werden.
Erschwerter Weg in die eigene Wohnung
Bei jungen Menschen mit anderen Lernmöglichkeiten, aus dem Autismus-Spektrum, mit Sehbeeinträchtigung, eingeschränkter Kommunikation oder starken Mobilitätseinschränkungen ist der Weg in eine eigene Wohnung oft erschwert. Monika Scholz und weitere Eltern, die im Verein „Wohnen und Teilhabe inklusiv e.V.“ organisiert sind, suchten eine Wohnmöglichkeit für ihre erwachsenen Kinder: außerhalb des Elternhauses, aber selbstbestimmt und mit der Möglichkeit, Gemeinschaft zu erleben und Unterstützung zu bekommen. Wünschenswert erschien ihnen ein Wohnprojekt, das eigene Wohnungen innerhalb einer inklusiven Hausgemeinschaft und gleichzeitig Unterstützungsmöglichkeiten anbietet.
„Unser Ziel als Eltern ist es, vorzuarbeiten und zu schauen: Wird das auch funktionieren, wenn wir das nicht mehr begleiten können?“
Solche Wohnmöglichkeiten sind selten. Grund für Monika Scholz, sich selbst bei der Entwicklung eines neuen Projektes zu engagieren. Aus dem ersten Projekt ist sie wegen eines Konflikts während der Planungsphase wieder ausgestiegen. Mit ihr weitere drei Eltern. Dank ihres persönlichen Engagements konnte Monika Scholz nach intensiver Suche ein neues Baugrundstück für ihr gemeinsames Vorhaben finden: das Baugebiet „Am Lennhofe“.
Eckdaten zum Wohnprojekt
- Angesiedelt in Dortmund-Menglinghausen (Nähe Hotel „Der Lennhof“, daher der Name),
- Das zweigeschossige Gebäude (plus Staffelgeschoss) wird auf einem Baufeld innerhalb eines neuen Siedlungsgebietes mit verschiedenen Bauformen (Reihenhäuser, Doppelhäuser, Mietwohnungen frei finanziert/gefördert) realisiert. Das Neubaugebiet wird durch Anliegerstraßen erschlossen.
- Das Projekt wird 17 Wohnungen bieten, acht davon sind reserviert für junge Erwachsene mit Beeinträchtigung. Drei Wohnungen (jeweils eine pro Etage) sind für Rollstuhlnutzende ausgelegt.
- Die Wohnungsgröße reicht von 48 bis zu 63 Quadratmetern (für Menschen mit Mehrbedarf). Alle Mieter*innen benötigen einen WBS/A.
- Aus einer weiteren Wohnung werden Gemeinschaftsräumlichkeiten, die von allen Mieter*innen gemeinsam genutzt und finanziert werden.
- Aktuell ist das Gebäude im Rohbau und wird voraussichtlich im Frühjahr 2027 fertiggestellt sein.
- Der Verein Wohnen und Teilhabe inklusiv e.V. hat das Recht, Vorschläge für die Wohnungsbelegung zu machen. Vereinsziel ist es, ein aufgeschlossenes, verständnisvolles Miteinander in der inklusiven Hausgemeinschaft zu fördern.
- Die Mieter*innen bilden eine Interessengemeinschaft.
Wann wurde das Projekt gestartet?
2022 war Projektstart, mit dem Moment, als das ProjektTeam der Gesellschaft für Grundstücksentwicklung mbH in Schwerte sein Okay gab, ein angedachtes Wohngebäude für Seniorenwohnen als „Wohnhaus für Menschen mit Behinderung“ zu planen: Eher zufällig hatte Monika Scholz von der vorgesehenen Nutzung im Neubaugebiet „Am Lennhofe“ erfahren und um die Änderung gebeten. Glücklicherweise konnte auch die Frage der Bauverantwortung bald geklärt werden: Das Ehepaar Dorothea und Michael Schröer wurde vom Immobilienvermittler zum Immobilieninvestor und zum Bauherrn für das das inklusive Wohnprojekt.
Wie ist das Projekt organisiert?
Die Verantwortung für die baulichen und verwalterischen Aspekte des Wohngebäudes liegen beim Eigentümerehepaar, das auch einzelne Mietverträge mit den allen künftigen Bewohner*innen abschließen wird.
„Einen Investor zu finden ist viel wert- eigentlich schon die halbe Miete, wenn Sie so ein Projekt aufziehen. Denn selbst wenn Sie es schaffen, von der Aktion Mensch z.B. eine Förderung in Höhe von 450.000 Euro für ein Bauprojekt zu erhalten, ist es für Nicht-Fachleute schwierig, das Bauprojekt auch entsprechend der Vorgaben umzusetzen. Klar gibt man Ihnen Ratschläge, aber Sie müssen das alles selbst machen.“
Wie ist die Rechtsform des Projekts?
Der Verein Wohnen und Teilhabe inklusiv e.V. hat sich im Jahr 2023 gegründet. Der Verein sieht seine Aufgabe vor allem darin, den Start des Wohnprojekts zu begleiten. Mit der Stadt und mit dem Eigentümerehepaar wurde das Recht zur Wohnungsvergabe vereinbart. So soll verhindert werden, dass hier Menschen einziehen, die das inklusive Zusammenleben ablehnen.
Zusätzlich werden die künftigen Bewohner*innen unabhängig vom Verein eine offizielle Interessengemeinschaft bilden, um ihre Anliegen nach außen gemeinsam vertreten zu können.
Wurde ein Träger mit ins Boot geholt?
Der Bund Deutscher Pfadfinder Soziale Dienste gGmbH (BDP) übernimmt die ambulante Betreuung (hauswirtschaftliche, pädagogische, pflegerische Unterstützung) der Bewohner*innen. Vertreten wird der BDP durch Eike Marrenbach. Der Vorstand von Wohnen und Teilhabe inklusiv e.V. ist als Gesellschafter eingestiegen.
Wie wurde Barrierefreiheit im Wohngebäude umgesetzt?
Das Gebäude ist barrierefrei gestaltet und verfügt über einen Aufzug, um den Zugang zu allen Wohnungen und Gemeinschaftsbereichen zu erleichtern. Die Hauseingangstüren sowie die Türen im Laubengang sind Automatiktüren, ebenso die Eingangstüren der Wohnungen für Rollstuhlnutzende. Diese sind mit 63 Quadratmetern geräumiger und haben ein behindertengerechtes Bad. Zu jeder dieser Wohnungen gehört ein Parkplatz in der Tiefgarage des Gebäudes und in der Wohnung gibt es eine Abstellfläche für einen E-Rolli im Eingangsbereich. Die Balkone sind schwellenlos erreichbar.
Unter welchen Bedingungen können Menschen ins Projekt einziehen?
Alle Mieter*innen benötigen einen WBS/A. Für bestimmte Wohnungen ist ein Mehrbedarf erforderlich. Außerdem muss die Gruppe der Bewohner*innen/der Verein positiv über einen Einzug entscheiden.
Es ist zwar keine offizielle Vorbedingung, aber nach Möglichkeit sollten alle künftigen Bewohner*innen, die das Ambulant Unterstützte Wohnen nutzen möchten, außer Haus arbeiten gehen, so Monika Scholz. Sonst werde es mit der Betreuung schwierig. Von den bereits feststehenden künftigen Bewohner*innen sind vier in einer Werkstatt beschäftigt und zwei haben Außenarbeitsplätze bei der Stadt Dortmund. Wenn Menschen Urlaub haben oder krankheitsbedingt zu Hause bleiben müssen, ist eine Betreuung durch BDP geplant.
Bisher sind die Betreuungsstunden noch nicht beantragt. Dies läuft jetzt erst an. Vermutlich wird einiges an Betreuungsstunden gepoolt, das heißt für mehrere Bewohner*innen gemeinsam geleistet. Allerdings ist es für Monika Scholz wichtig, dass die Individualität des Einzelnen gewahrt bleiben muss.
Wie hoch sind aktuell die laufenden Kosten für Miete/Betriebskosten?
Die Miete pro Quadratmeter beträgt 7,45 Euro/Quadratmeter plus Betriebskosten. Das Sozialamt übernimmt die Miete in dieser Höhe. Für die Gemeinschaftsräumlichkeiten wird eine Wohnung genutzt, deren Miete von allen Mietparteien mitgezahlt wird. Das Sozialamt trägt diese Kosten mit, da die Wohnungen z.T. nicht die Fläche haben, die ansonsten Einzelmieter*innen zugestanden wird.
Welche Unterstützung haben Sie bekommen oder welche Anlaufstelle war besonders hilfreich?
Hilfreich war der eigene Erfahrungsschatz, aufgebaut durch vorherige verantwortliche Tätigkeit beim anderen Wohnprojekt und auch die Beratung durch den Landesverband für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung NRW e.V. (lvkm.nrw) Es gab dort Kontakt zur Steuerungsgruppe und es wurden gemeinsame Projekte initiiert.
Außerdem war das Amt für Wohnen der Stadt Dortmund als Ansprechpartner und Anbieter für gemeinsame Veranstaltungen (wie den Tag des offenen Wohnprojekts) hilfreich.
Welche weitere Unterstützung hätten Sie sich gewünscht?
Zu Beginn der Planungen wäre es gut gewesen, von der Stadt Dortmund Hinweise auf Bauprojekte zu bekommen, die Wohnraum für Menschen mit Behinderung planen. Seinerzeit war es eher Zufall, dass Monika Scholz Infos über das Wohnhaus „Am Lennhofe“ bekam.
Was ist besonders gut gelaufen?
Besonders positiv war, dass die Gesellschaft für Grundstücksentwicklung mbH sofort zugestimmt hat, dieses Wohnhaus, das ursprünglich für Seniorenwohnungen vorgesehen war, für inklusives Wohnen zu nutzen.
Was war besonders langwierig oder schwierig?
Besonders langwierig war die Bewilligung des Bauantrages durch die Stadt Dortmund. Auch eine Bürgerinitiative gegen die Bebauung am Lennhofe hat im Vorfeld zu Verzögerungen des Bauvorhabens geführt.
Womit hatten Sie nicht gerechnet?
Ich hatte nicht damit gerechnet, dass der Bedarf an Wohnungen von rund 50 Quadratmetern so hoch ist und dass das selbstbestimmte Wohnen keine Ausnahme mehr ist, sondern selbstverständlich. Es wird weniger nach stationärem Wohnen und weniger nach Einzelwohnungen gesucht, dafür mehr nach Wohnungen mit Aussicht auf Gemeinschaft.
Was würden Sie Menschen raten, die ein ähnliches Projekt planen?
Auf jeden Fall: anzupacken, den Mut zu haben, etwas für seine Kinder zu initiieren. Offen zu sein und keine Angst zu haben vor der Verantwortung. Weil der Bedarf da ist!
Gibt es gemeinschaftliche Aktivitäten im Projekt?
Es laufen bereits zwei Projekte des Vereins, bei denen sich die bereits feststehenden und interessierten künftigen Bewohner*innen mit und ohne Behinderung kennenlernen können: Zum einen der beliebte Kochkurs bei der VHS, siehe oben. Das zweite Projekt ist ein Kurs zur digitalen Teilhabe, der noch bis Ende Oktober läuft, vom Verein selbst organisiert. Die Teilnehmenden lernen den Umgang mit digitalen Geräten, auch mit Sozialen Medien und verschiedenen Anwendungen. Beispielsweise stand schon das Einberufen einer Videokonferenz auf dem Programm, das Erkennen von Online-Falschmeldungen und es wird gerade ein digitales Kochbuch mit individuellen Lieblingsrezepten eingerichtet.
Unterstützung bei der Wohnorientierung
Themen wie Online-Bezahlung sind hier nicht vorgesehen. Allerdings hofft Monika Scholz, dass dieses Thema in einem Kurs zur Wohnorientierung angesprochen wird. Der Träger kann so einen Kurs über den LWL beantragen. Darin werden grundsätzliche Dinge besprochen, die bei einem Einzug neu auf die Bewohner*innen zukommen. „Wie kaufe ich ein? Wie wasche ich meine Wäsche?“ Auch die Ablösung vom Elternhaus wird thematisiert. Denn darauf freuen sich die einen, weil sie beispielsweise mehr Privatsphäre haben werden („Dann kann mein Freund mich besuchen“), anderen macht der Gedanke an den Auszug auch etwas Sorge: „Je näher der Termin des Auszugs rückt, desto mehr betont unser Sohn, dass er sehr gerne bei uns wohnt,“ meint Monika Scholz.
Bisher sind die künftigen Hausbewohner*innen nicht darin geübt, ihren Alltag eigenständig zu organisieren. Der Verein Wohnen und Teilhabe inklusiv e.V. bemüht sich daher zusätzlich um die Finanzierung einer pädagogischen Fachkraft (Viertelstelle), die in der Anfangsphase Gemeinschaftsaktivitäten anregt und die Bewohner*innen dabei unterstützt, sich kennenzulernen und sich zu organisieren. Der Antrag wurde bei der Stiftung Deutsches Hilfswerk (Fernsehlotterie) gestellt, um die Begleitung der während ersten drei Jahre sicherzustellen (der Verein muss eine Eigenbeteiligung von 20 Prozent der Lohnkosten tragen.)
Was wird von Hausbewohner*innen mitgestaltet, mitentschieden?
Derzeit machen sich Vereinsmitglieder ein erstes Bild von Bewerber*innen für Wohnungen, und fragen dann die bestehende Gruppe, ob sie an einem Kennenlernen interessiert ist. „Bei allen Entscheidungen nehmen wir die Menschen mit Behinderung mit.“
Sind noch Weiterentwicklungen des Projekts geplant?
Der Verein Wohnen und Teilhabe inklusiv unterstützt derzeit noch ein weiteres Projekt für inklusives Wohnen in Löttringhausen, indem er auch dort Vorschläge zur Belegung macht.
Am Lennhofe plant der Verein gerade, den vorgesehenen Spielplatz in der Nachbarschaft barrierefrei gestalten zu lassen. Beispielsweise um die Erreichbarkeit der Spielgeräte sicherzustellen, oder um besonderen Fallschutz oder inklusive Spielgeräte anzuschaffen. Die Volksbank hat bereits 2000 Euro dafür gespendet.