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Niemand bleibt allein? Jede(*r) dritte Befragte mit Behinderung „oft einsam“

31.07.2026
Begegnung - steht auf einer Gedankenwolke, die an einer Stellwand festgeheftet ist

Am 14. Juli war das KSL.Arnsberg zu einer gut besuchten Veranstaltung in Schwelm eingeladen: „Gemeinsam in Schwelm – Niemand bleibt allein“ war das Motto eines informativen und unterhaltsamen Nachmittags im LEO-Theater, organisiert von der Arbeitsgemeinschaft „Gemeinsam in Schwelm“ (Atelier 7, Design-Handlung, VHS Ennepe-Ruhr-Süd, Stadt Schwelm). Am KSL.Arnsberg-Infotisch konnten sich Interessierte über Aspekte von Einsamkeit und Behinderung informieren. Mit den KSL-Konkret Broschüren wurden außerdem Impulse zum Abbau von Barrieren gesetzt. 

Bürgermeister Stephan Langhard stellte in seiner Begrüßung fest, dass man Einsamkeit Menschen nicht ansieht, und dass sie auch Menschen betreffen kann, die sich viel um andere kümmern und deshalb immer von Menschen umgeben sind. Er betonte, dass sich niemand wegen Einsamkeit schämen müsse- man solle das vorherrschende Tabu Einsamkeit brechen und darüber reden, wie über andere Befindlichkeiten.

Fokus: Einsamkeit bei Menschen mit Behinderung

Das KSL. Arnsberg nahm die Veranstaltung zum Anlass, sich mit dem Einsamkeitsbarometer des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend auseinanderzusetzen. Im Juni 2026 wurde es erstmals mit dem Fokus „Einsamkeit bei Menschen mit Behinderungen“ veröffentlicht.

Das Gefühl, das Einsamkeit in der Gesellschaft sehr präsent ist, aber in der Gruppe von Menschen mit Behinderungen noch eine größere Rolle spielt, wurde hier konkret belegt: Durch Auswertung von Umfragen und Statistiken konnte nachgewiesen werden, dass es ein strukturell bedingtes höheres Risiko für Menschen mit Behinderungen gibt, von Einsamkeitsgefühlen betroffen zu sein. Rund ein Drittel der Menschen mit Behinderung fühlen sich oft einsam (32,4 %), während dies bei den befragten Menschen ohne Behinderung deutlich weniger, nämlich rund ein Fünftel der Befragten (20.1%) bestätigen. Die Ursachen liegen laut Studie an einem „Wechselspiel von individuellen Beeinträchtigungen und Barrieren in der Gesellschaft“.

Was genau macht soziales Leben für Menschen mit Behinderung schwieriger?

Zum einen sind die schlechteren Chancen für ein zufriedenstellendes soziales Leben auf bauliche oder strukturelle Barrieren zurückzuführen. Zum anderen ist es auch die Wahrnehmung von Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft, die Einsamkeit fördert: verbreitete „Normalisierungsmechanismen“ bedingen, dass Menschen mit Behinderung „anders als normal“ wahrgenommen werden, oft mit einem negativen Vorzeichen.

 Man nennt diese Sichtweise Ableismus. Sie bezeichnet einen „gesellschaftlichen, normativen Bewertungsrahmen, der auch an Leistungsanforderungen gekoppelt ist und so die bestehenden Machtverhältnisse in der Gesellschaft widerspiegelt und fortschreibt.“  Es wird also in vielen Lebensbereichen bewusst oder unbewusst gewertet, wie weit Menschen der Normvorstellung entsprechen. Menschen mit Behinderung werden wegen dieser verinnerlichten Schablonen häufig diskriminiert und stigmatisiert.

Sonderbehandlung führt zu weniger Interaktion

 Menschen mit Behinderung werden auch wohlmeinend in bestimmte Gruppen eingeteilt, denen eine Sonderbehandlung zugedacht ist. Diese „Institutionelle Segregation“- also der Ausschluss von Menschen mit Behinderung aus Regelinstitutionen (z.B. Regelschulen) - führt dazu, es noch weniger Begegnungen und Interaktionen zwischen Menschen dieser Gruppe und der Gesamtgesellschaft gibt.

Der Mangel an Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderung in der Gesamtgesellschaft wiederum bewirkt, dass sich Unsicherheiten in der Kommunikation, Distanzierung und Abwertung weiter fortsetzten. Menschen mit Behinderung ihrerseits reagieren auf diese Sonderbehandlung und vielfältige Diskriminierungserfahrung oft mit Rückzug aus dem öffentlichen Leben und entwickeln ein weniger starkes Zugehörigkeitsgefühl zur Gesamtgesellschaft. 

Erschwerte Bedingungen 

Dass Menschen mit Behinderung nicht selbstverständlich gleiche Bildungschancen haben, und sie insgesamt niedrige Bildungsabschlüsse erreichen, führt zu geringeren Chancen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt und letztendlich zu schwierigeren Bedingungen bei der Sicherung des Lebensunterhalts, weniger sozialer Anerkennung, und auch weniger Zugang zu sozialen Kontakten.

Auch wenn soziale Kontakte vorhanden sind, können Menschen mit Behinderung dies nicht im gleichen Maße Soziale Verbundenheit mit Familie, Freunden oder Freizeitkontakten wirkt sich einerseits sehr positiv aus und bietet auch Unterstützungsmöglichkeiten: Partnerschaften verringern das Einsamkeitsrisiko bei allen Menschen. Statistisch betrachtet sind laut der Studie allerdings Menschen mit Behinderung deutlich weniger zufrieden mit ihrem Familienleben und mit ihrem Freundeskreis - bei Menschen mit einem Grad der Behinderung über 50 zeigt sich dies besonders stark. Dies könnte teilweise daran liegen, dass die Abhängigkeit von Angehörigen und Freunden mit dem Grad der Behinderung steigt. Das Einsamkeitsbarometer zitiert mehrere Studien, die zeigen, dass Menschen mit Behinderung in ihrer Freizeitgestaltung deutlich eingeschränkt sind und häufiger Zeit allein verbringen. Begrenzte Mobilitätsmöglichkeiten, fehlende Assistenz, ein oftmals kleineres Netzwerk und größere finanzielle sowie zeitliche Herausforderungen können dafür ausschlaggebend sein.

Was tun gegen Einsamkeit von Menschen mit Behinderung?

Mögliche Maßnahmen werden im Einsamkeitsbarometer an verschiedene Handlungsebenen adressiert (Bund, Länder, Kommunen, Gesellschaft, Träger) Hier die wichtigsten Punkte:

  1. Generell ist grundsätzliche Barrierefreiheit sowohl in öffentlichen Räumen als auch in Wohngebäuden ein wichtiger Faktor für gesellschaftliche Teilhabe. Empfohlen wird zusätzlich, Begegnungsorte im lokalen Bereich zu schaffen, die barrierefrei, konsumfrei und niedrigschwellig zugänglich sind. 

  2. Die Rechtsansprüche auf Assistenz, Beratung und psychosoziale Unterstützung müssen laut Studie abgesichert werden und Beratung außerdem niedrigschwellig zugänglich sein.

  3.  Kommunen wird empfohlen, Peer- und Selbstvertretungsangebote zu fördern. Außerdem sollten Entlastungsangebote für pflegende Angehörige ausgebaut werden, um Überforderung zu vermeiden und soziale Teilhabe zu fördern.

  4.  Das Umfeld junger Menschen mit Behinderung sollte sensibilisiert werden- um eine reflektierte, wertschätzende und inklusive Haltung zu entwickeln.  

  5. Dies gilt auch gesamtgesellschaftlich: Unsere Gesellschaft soll sensibler für Stigmatisierung und Diskriminierung werden. Leitlinien, politische Diskurse oder politische Programme sollten diese Notwendigkeit in allen Bereichen berücksichtigen. 

  6. Vielversprechend sind laut Studie die Erfahrungen mit Peers in verschiedenen Lebensbereichen. 

  7. Besonders in Bildungseinrichtungen können sie durch ihre Vorbildfunktion Menschen mit Behinderung stärken. 

  8. Eine gute Bildung wird als ein bedeutender Positivfaktor gegen Einsamkeit genannt In Form eines World-Cafés hatten alle zu Beginn und in der Pause der Veranstaltung die Gelegenheit, sich über Angebote in Schwelm und Umgebung zu informieren. In diesem Rahmen stellte sich auch das KSL.Arnsberg den Teilnehmer*innen vor. 

    ZUM EINSAMKEITSBAROMETER 2026

    P.S.: Die Veranstaltung in Schwelm soll mit ihren erarbeiteten Impulsen auch als Planungsbasis für die Akteur*innen, für Politik und Verwaltung dienen. Dort wird das Thema Einsamkeit weiterhin auf der kommunalen Agenda stehen.