Mehr als neunzig Prozent aller Schülerinnen und Schüler mit Sonderpädagogischem Förderbedarf und Behinderungen besuchen in Großbritannien Regelschulen. Die meisten Schulen und Kitas verfügen über jahrzehntelange Inklusionserfahrung. Das Projekt inklusionINSIGHTS ermöglicht authentische und realistische Einblicke in die inklusive Schulpraxis in London. Darüber sprach Andreas Tintrup vom KSL Arnsberg mit dem Initiator des Projekts, Prof. Dr. Fabian van Essen.

Andreas Tintrup: Welche Ideen verbinden Sie mit den Reisen?

Dr. Fabian van Essen: Ich lade die Teilnehmenden ein, über den Tellerrand zu schauen: Wie funktioniert schulische Inklusion in einem Land, in dem es seit Jahrzehnten ganz normal ist, dass Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam zur Schule gehen? Was wird hier anders gemacht? Wie funktioniert der Unterricht, und welche Strukturen, Prozesse und Pflichten ermöglichen Inklusion?

Dazu schauen wir uns nicht „Inklusions-Disneylands“ an, also Schulen mit traumhaften Ausstattungen und überdurchschnittlichem Personalschlüssel - sondern ganz normale Schulen, zumeist in benachteiligten Stadtteilen, die sich mit den auch hier begrenzten Mitteln auf den Weg gemacht haben.

Die meisten der Schulen, die für mein Programm ihre Türen öffnen, haben für ihr Engagement für Inklusion Preise gewonnen. Dahinter stehen inspirierende Menschen, tolle Schulkulturen und Innovationsfreude. All dies sollen die Teilnehmenden kennen lernen und in Bezug auf die eigene berufliche Praxis oder private Situation reflektieren. 

Welchen Job haben Sie als „Reiseleiter“?

Ich habe gleich mehrere Jobs: Im Rahmen der Auftaktveranstaltung sowie schulbesuchsbegleitend gebe wissenschaftlichen Input. Ich moderiere zudem den Austausch der Teilnehmenden mit dem Fachpersonal der Schulen. Ich unterstütze außerdem die Teilnehmenden methodisch beim Transfer des Gesehenen in die eigene Praxis. Und schließlich gebe ich ganz praktische Tipps, zum Beispiel zum ÖPNV in London oder zu der heiß diskutierten Frage, welches der beste Pub ist. 

Könnten Sie sich dieses Reiseprogramm auch für Deutschland vorstellen?

Ja, auf jeden Fall! Auch in Deutschland gibt es ganz großartige inklusive Schulen. Zum Beispiel diejenigen, die den Jakob Muth-Preis gewonnen haben. Da ich selbst in London lebe und mir so die an meinem Programm teilnehmenden Schulen gut anschauen kann, starte ich mit dem Projekt zunächst hier. Zudem lohnt sich eine Reise in diese herrlich vielfältige Stadt auch über die Schulbesuche hinaus. Aber die ersten Überlegungen für ein Programm in Deutschland gibt es schon.

Dann freuen wir uns bereits jetzt schon auf den weiteren Austausch. Halten Sie uns auf dem Laufenden.

Dies mache ich gerne. Keep up your excellent work!

Zur Person
Dr. Fabian van Essen organisiert und begleitet diese Einblicke und moderiert Reflexionen für den Transfer in den eigenen beruflichen oder privaten Alltag. Nähere Infos gibt hier: https://inklusioninsights.com

Hauptberuflich ist er als Professor für Heilpädagogik für die deutsche IU Internationale Hochschule tätig – und zwar ausschließlich online im Fernstudium. Das ermöglicht ihm, seit 2017 in London zu leben. Von 2002 bis 2007 hat er Lehramt Sonderpädagogik an der TU Dortmund (Schwerpunkte Geistigbehindertenpädagogik und Sprachbehindertenpädagogik) studiert. 2012 wurde er an der Universität zu Köln promoviert (Thema seiner Dissertation: „Soziale Ungleichheit, Bildung, Habitus. Eine Studie zu den Möglichkeitsräumen ehemaliger Förderschüler.“) Danach arbeitete er an verschiedenen Hochschulen, unter anderem an der TU Dortmund, Universität zu Köln und Hochschule für Gesundheit Bochum.

 

Das Foto zeigt ganz rechts das Porträts eines Mannes. Er heißt Fabian van Essen. Er ist Professor für Heilpädagogik.
Das Foto zeigt ganz rechts das Porträts eines Mannes. Er heißt Fabian van Essen. Er ist Professor für Heilpädagogik.