Das Foto zeigt links Jan-Peter Lübke auf seiner Reinigungsmaschine. Daneben stehen seine Kollegen Enrico Grabisnki und Martin Kramer.
„Ich will unbedingt arbeiten!“

Menschen mit Behinderung haben es meist schwer, im ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Jan-Peter Lübke hat das geschafft, was vielen verwehrt bleibt. Seit rund drei Jahren arbeitet er unbefristet im Service bei ITH Schraubtechnik in Meschede. Der weltweit führende Systemlieferant setzt auf die besonderen Fähigkeiten und Fertigkeiten des jungen Mannes.

„Das ist meine Welt!“ Jan-Peter Lübke breitet seine Arme aus, dreht sich nach links und nach rechts. Dabei strahlt sein ansteckendes Lachen übers ganze Gesicht. Um ihn herum stehen Regale mit Werkzeugen, Plastikboxen und Kanistern, eine lange Werkbank, Spezialgeräte. In Gitterboxen lagern aufgerollte Schläuche. Es riecht nach Öl und Kunststoff. Wir befinden uns in der sogenannte Schlauchabteilung von ITH Schraubtechnik in Meschede. In der riesigen hellen Halle, in der sich dieser Bereich befindet, herrscht geschäftiges Treiben. Trotzdem wirkt es nicht hektisch.

ITH ist ein weltweit führender Systemlieferant für Schraubtechnik. In Meschede befinden sich die zentrale Produktion und Verwaltung. Die hier gefertigten hydraulischen, pneumatischen und elektrischen Schraubwerkzeuge zum Anziehen und Lösen von Schraubenverbindungen gehen an Kunden in der ganzen Welt. Die Produkte werden überall dort eingesetzt, wo Schraubverbindungen extrem hohe Belastungen aushalten und deshalb fest sitzen oder gelöst werden müssen: in der Windenergie, im Turbinenbau, bei Baumaschinen, in der Öl- und Gasindustrie. Zum Sortiment gehören aber nicht nur die Werkzeuge selbst, sondern alles, was dazu gehört, von Verbindungselementen bis zu Wartung, Reparatur und Schulungsservice. Bei Bedarf entwickelt ITH auch ganze Branchenlösungen.

ITH ist also ein richtiger Global Player. In diesem Jahr feierte das Unternehmen sein 40-jähriges Jubiläum. Auf einer langen Wandtapete im Eingangsbereich ist die Erfolgsgeschichte des Unternehmens von 1979 bis heute in Wort und Bild dokumentiert. Wer mit den Geschäftsführern Jörg und Frank Hohmann oder einem der über 180 Mitarbeiter in Meschede spricht, spürt Stolz auf die Leistungen und das Ansehen des vom Vater Hans Hohmann gegründeten Unternehmens.

Mit Neugier, Tatkraft, Willensgeist

Stolz ist Jan-Peter Lübke ganz besonders – auf „seine“ Firma, aber auch auf sich selbst. Er hat das geschafft, was vielen nicht möglich ist. Nach dem Besuch der Kardinal-von-Galen-Schule, Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung, und diversen Praktika in Mescheder Handwerksbetrieben, bewarb sich der heute 25-Jährige im März 2015 für ein weiteres Praktikum bei ITH – und überzeugte die Geschäftsführer und Mitarbeiter mit Neugier, Tatkraft, Willensgeist, absoluter Zuverlässigkeit, technischem Verständnis und einer scheinbar unerschütterlichen Lebensfreude. Und weil seinerzeit zufällig eine Stelle für einen ungelernten Servicemitarbeiter frei wurde, erhielt Jan-Peter Lübke, den im Betrieb alle liebevoll „JP“ nennen, zunächst einen Arbeitsvertrag auf Probe, der im November 2016 in eine unbefristete Festanstellung umgewandelt wurde.

Das Bild zeigt Jan-Peter Lübka an seinem Arbeitsplatz.

„Ich will unbedingt arbeiten“, sagt Jan-Peter Lübke. Deshalb freut er sich, jeden Tag an seinen Arbeitsplatz zu kommen. Pünktlich um sieben Uhr steht er jeden Morgen „auf der Matte“. Seine Mutter bringt ihn mit dem Auto. „Ich gehe in die Fahrschule. Bald habe ich auch einen Führerschein“, sagt er. Dann wolle er selbst fahren. Zunächst noch mit seiner Mutter auf dem Beifahrersitz. Sein Arbeitsplatz ist der Servicebereich. In der dazugehörenden Schlauchabteilung misst er Hydraulikschläuche auf Länge und presst an den Enden spezielle Steckverbindungen ein, befüllt die Schläuche mit Hydrauliköl und prüft am Ende des Prozesses jedes Fertigungsstück auf Dichtigkeit. Martin Kramer, Leiter des Servicebereichs und Jan-Peter Lübkes „Mentor“, lobt die Ausdauer, Zuverlässigkeit und größte Präzision, mit denen sein Mitarbeiter bei der Sache ist. „Jan-Peter besitzt auch ein hohes technisches Verständnis“, sagt Kramer. „Schreiben und lesen ist nicht so sein Ding, Aber wenn ich ihm zwei-, dreimal einen Arbeitsvorgang erkläre, dann sitzt das.“

Neben den Arbeiten in der Schlauchabteilung wird „JP“ im Reinigungs- und Entsorgungsservice eingesetzt. Zweimal täglich setzt er sich auf die große Bodenreinigungsmaschine und säubert die Wege in den Fertigungs- und Lagerhallen am Standort. Er lackiert große und kleine Holzkisten für den Transport der ITH-Werkzeuge in alle Welt und leert Altpapier-, Wert- und Reststofftonnen in die dafür vorgesehenen Container auf dem Hof. Vor einiger Zeit erwarb Jan-Peter Lübke den Staplerführerschein und übernimmt seitdem auch Transportaufgaben. Er liebt die Vielfalt in seinem Arbeitstag. „Nie langweilig“, sagt er. Bei mehreren Anforderungen gleichzeitig wird Jan-Peter Lübke allerdings unruhig, die Nerven beginnen zu flattern, er wird fahrig, seine Konzentration schwindet rasch. Deshalb haben Martin Kramer und sein Kollege Enrico Grabinski stets ein Auge darauf, solche Situationen erst gar nicht entstehen zu lassen.

Große Bereicherung fürs Team

Für Jörg Hohmann ist Jan-Peter Lübke ein Glücksgriff. „Jan-Peter zeigt eine hohe Einsatzbereitschaft, ist absolut präzise, verbindlich und zuverlässig bei den ihm übertragenen Arbeiten“, unterstreicht der Geschäftsführer, für den diese Mitarbeitereigenschaften ganz oben auf der Anforderungsskala stehen. Und ganz wichtig: „Er passt hervorragend ins Team. Alle mögen und schätzen ihn“, so Hohmann. Jan-Peter sei "der Sonnenschein" des Betriebs, ergänzt Personalerin Gabi Rettler. Aus Jörg Hohmann spricht ganz und gar der Geschäftsmann und Unternehmer: „Er füllt seinen Arbeitsplatz voll aus. Er leistet damit seinen Beitrag, dass der Laden läuft.“

Das Bild zeigt Jan-Peter Lübke auf dem Gabelstapler.

Auf dem Weg zu einem selbstbestimmten Leben

Heinz Arenhövel, Behindertenbeauftragter für den Hochsauerlandkreis, freut sich gleich doppelt. Zum einen, weil er Jan-Peter Lübke auf einem guten Weg zu einem selbstbestimmten Leben sieht. Zum anderen, weil die Verantwortlichen bei ITH Schraubtechnik die Fähigkeiten und Fertigkeiten von Jan-Peter Lübke erkannt und für den Betrieb nutzbar gemacht haben. Der ehemalige Pädagoge an der Kardinal-von-Galen Förderschule kennt den jungen Mann schon aus Schulzeiten. „Er macht eine tolle Entwicklung“, so Arenhövel. Er weiß auch aus Erfahrungen in seiner Region: „Gerade Menschen mit anderen Lernmöglichkeiten haben es äußerst schwer, im ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Wenn sie aber in einem Betrieb ihren Fähigkeiten entsprechend eingesetzt werden, sind sie nicht nur ein ganz normales Rädchen im Getriebe, sondern vielfach eine Bereicherung für jedes Team.“ Arenhövel wünscht sich mehr verantwortungsvolle Unternehmen wie ITH: „Wirtschaftlich auf eigenen Füßen zu stehen und soziale Anerkennung und Wertschätzung zu erfahren, ist gerade für das Selbstbewusstsein junger Menschen unerlässlich.“

Jan-Peter Lübke schätzt Sauberkeit und Ordnung. „Alles muss gepflegt werden. Alles muss an seinem Platz sein.“ Es sieht so aus, als hätte hier der Topf seinen Deckel gefunden – oder in der Sprache der Betriebswirtschaft gesprochen: Es ist eine Win-Win-Situation!

Text und Fotos: Michael Kalthoff-Mahnke

Weiterführende Informationen

Aktion Mensch
Die Webseite zum Thema "Menschen mit Behinderung einstellen" gibt umfassende Informationen. Darunter eine Broschüre mit dem Titel "Zehn Gründe, Menschen mit Berhinderung zu beschäftigen."

Bundesministerium für Arbeit (BAMS)
Der Ratgeber des BAMS zum Thema Behinderung gibt umfassend Auskunft über alle Leistungen und Hilfestellungen, auf die Menschen mit Behinderung Anspruch haben, von der Vorsorge und Früherkennung über die Schul- und Berufsausbildung und Berufsförderung bis zu steuerlichen Erleichterungen. In Auszügen sind auch die entsprechenden Gesetzestexte enthalten. Den Ratgeber gibt es auch ich Leichter Sprache.

JOBinklusive
Zusammen mit Arbeitgeber*innen, Arbeitsvermittler*innen, Ausbilder*innen und Aktivist*innen erreichen, dass mehr Menschen mit Behinderung auf dem ersten Arbeitsmarkt beschäftigt werden.