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Reihe Wohnprojekte: Alltag im Haus für Alle in Soest

30.09.2026
Außenansicht Haus für Alle in Soest - Haus A

Ein inklusives Wohnprojekt, das bereits seit 9 Jahren Wohn-Alltag kennt, ist das Haus für Alle in Soest. Seit Mai 2017 bietet es in zwei Häusern Wohnraum mit einmal 21 Wohnungen in Haus A (unter dem Dach der Genossenschaft „Ein Haus für Alle – Soest eG) und einmal 9 Wohnungen in Haus B (organisiert in einer GbR) gemeinschaftliches Wohnen mit hoher Lebensqualität. Alle Bewohner*innen sind Bewohner sind Mitglied in der Genossenschaft „Ein Haus für Alle – Soest eG (EHFA). Im Gespräch erzählt mir dessen Vorstandsvorsitzender, Dirk Röttger, wie das Projekt entstanden ist. 
Die Idee wurde von Benedikt Ungerland und Heinz Werner Einhoff, beides Mitglieder des Vereins für Körper- und Mehrfachbehinderte – Kreis Soest (VKM) aus einer anderen Stadt mitgebracht: Herr Einhoff hatte eine Freundin welche dort in einem ähnlichen Wohnprojekt wohnte und er fand, dass es so etwas in Soest auch geben müsste. Er konnte einige Leute für seine Idee begeistern und manche der ersten Begeisterten wohnen heute im Haus für Alle.

Projektentwicklung

Treppen mit Laubengaängen. Zusätzlich verbindet ein Aufzug die  Etagen.
Kurze Wege zu den Nachbar*innen

 

2010 fand das erste Treffen statt. Dabei wurde richtungsweisende Ziele für das gemeinsame Wohnprojekt „Ein Haus für Alle“ festgelegt: Der Wohnort soll barrierefrei sein, jeder soll alle Nachbar*innen im Projekt problemlos besuchen können. Angestrebt wurde ein generationenübergreifendes, gemeinschaftliches und inklusives Wohnen in gut erschlossener Lage von Soest. 
Es war nicht auf Anhieb vorbehaltlose „Liebe“ zwischen allen künftigen Bewohner*innen: Teilweise wurden Stimmen laut, von Menschen die Sorge hatten, dass „die Behinderten“ dann wohl immer etwas wollen würden, von den nicht-behinderten Menschen im Projekt. Und vonseiten mancher Geringverdienender gab es zwischendurch Kritik an den „Geldsäcken“, wenn es darum ging, unterschiedliche Interessen durchzusetzen. Reibereien gehören wohl dazu, wenn viele Persönlichkeiten sich an ein gemeinsames Projekt wagen.
Die Erklärung für die zwei unterschiedlichen Rechtsformen der Gebäude liegt in der Anfangszeit des Projekts.  In der Phase der Grundstücksuche fanden sich zwei Interessengruppen zusammen: Auf der einen Seite diejenigen, deren erstes Anliegen ein barrierefreies Wohnhaus für Alle war, das auch durch Fördermittel günstiges Wohnen auf Mietbasis ermöglichen sollte. Auf der anderen Seite eine kleinere Gruppe, die in erster Linie einen ökologischen Interessenschwerpunkt hatte und alle Wohnungen auf Eigentumsbasis plante. 

Der Gemeinschaftsraum – schwellenlos erreichbar

 

barrierefreie Küche
Barrierefreie Küche im Gemeinschaftsraum
schwellenloser Zugang von draußen
Schwellenloser Zugang von draußen
W
Behindertengerechtes WC - Gemeinschaftsraum

Die Inklusionsgruppe nutzte eine sechsmonatige, kostenfreie Beratung durch den Wohnbund NRW und gründete am 13.5.2013 eine Genossenschaft.  Der Vorstand besteht aus vier Personen (mit Entscheidungsmöglichkeit beim Vorsitzenden) und der Aufsichtsrat aus drei Personen, alle arbeiten ehrenamtlich. Am 5. März 2015 folgte dann der Eintrag der e.G. beim Amtsgericht Arnsberg, nachdem ein detailliertes Finanzierungskonzept ausgearbeitet worden war. 

Wie wurde das Geld für das Bauprojekt aufgebracht?

Damit die Gruppenmitglieder eine gewisse Bindung an das Bauprojekt hatten, wurde bereits zu Beginn von jedem eine kleine Einlage geleistet. Für die Baufinanzierung wurden anschließend von den 43 Genossenschaftsmitgliedern ca. 860.000 Euro Eigenkapital aufgebracht, das in Genossenschaftsanteile von 500 Euro aufgesplittet ist. Jede*r Bewohner*in muss entsprechend der bewohnten Quadratmeter Genossenschaftsanteile zu je 500 Euro erwerben. Die gesamte Bilanzsumme nach Fertigstellung von Haus A belief sich auf 4,1 Millionen Euro. Diese Summe konnte nur durch den Förderkredit der KfW über 1,3 Millionen Euro sowie durch einen 1,3 Millionen Euro hohen Förderkredit der NRW-Bank sowie über weitere Kredite, beispielsweise durch die mittlerweile als Hausbank etablierte GLS-Bank aufgebracht werden. Auf Mitglieder der Genossenschaft haben sich mit günstigen Krediten an der Finanzierung beteiligt. Lokale Banken wie die Volksbank oder Sparkasse standen dem Projekt eher skeptisch gegenüber, berichtet Dirk Röttger, darüber immer noch etwas enttäuscht.
Die Stadt Soest hatte den Bauwilligen bereits 2010 ein Grundstück angeboten, dieses fand aber keinen Anklang bei der Gruppe. Trotz guter Vernetzung in der Stadtgesellschaft folgte eine fünf Jahre dauernde Suche nach einem passenden Baugrundstück. Erst nach gemeinschaftlicher Vorstellung der Projektidee in den Stadtratsfraktionen durch beide Interessengruppen taten sich neue Möglichkeiten auf. Schließlich wurde das Gelände einer ehemaligen Schule für Landschaftsbau in 15 Gehminuten Entfernung vom Soester Zentrum gefunden. Es war 4.400 Quadratmeter groß und wurde von der Genossenschaft „Ein Haus für Alle – Soest e.G.“ für den günstigen Preis von 550.000 Euro gekauft. Zu Baubeginn musste auf der Baufläche ein bestehendes Schulungsgebäude abgerissen und ca. 20 Bäume gefällt sowie neu gepflanzt werden. Das Gelände ist allerdings bis heute so dicht bewachsen, dass es kaum noch Raum für neue Bäume gab, so Dirk Röttger.

Erfahrungen aus der Bauphase

Haus für Alle - das Haus B
Haus B

Dies ist rund um das ökologisch gedachte Haus B gut zu beobachten: Bäume stehen dicht bis ans Gebäude.  Zusätzlich wurde die Fassade teilweise mit Holz verkleidet, das KfW Standard 55 - Gebäude fügt sich nahtlos in die natürliche Umgebung ein. Geplant wurde es von Oliver Marxen Architektur – Bauen für Mensch und Natur. Auf dem Dach sorgen Solarthermie-Paneele für warmes Wasser und die Heizung mit Holzpellets galt seinerzeit als besonders nachhaltig. Vor dem Haus zeigt eine Wallbox für E-Autos, dass die Bewohner*innen nach wie vor für ökologisch begrüßenswerte Trends offen sind. 
Haus A hat eine weniger organische Gebäudestruktur, fügt sich aber trotz seiner drei Voll und einem Sattel-Geschoss ebenfalls gut in die Umgebung ein, vor allem durch die spannende Farb- und Materialwahl. Der Wohnbund hatte im Auftrag der Genossenschaft einen Architektenwettbewerb ausgeschrieben, den das Architekturbüro „Weiß Wessel Kirchner Architekten“ gewann (Nach Ausscheider der Gründer firmiert die Gesellschaft unter „Kirchner + Könnemann Architekten“. Dirk Röttger findet es rückblickend sinnvoll, Architektur und Bauleitung in zwei verschiedene Hände zu legen. So bekommt man zusätzliches, praxisnahes Know-How und eine zweite Meinung zu den Planungen. Eigentlich war das Projekt finanziell gut geplant, so dachte die Gruppe. Aber dann stellte sich bei den Ausschreibungen heraus, dass es im Bereich der Sanitärkosten einen Planungsfehler von rund 200.000 Euro gab. An verschiedenen Stellen musste deshalb eingespart werden: Ein geplantes geschlossenes Treppenhaus mit Glasfront wurde zu einem offenen Treppenhaus. Damit das Regenwasser trotzdem nicht ungebremst ins Kellergeschoss läuft, wurde eine Plane angebracht. Die Einsparung an dieser Stelle betrug 50.000 Euro. Eigentlich, so Dirk Röttger, war das Bauen damals noch relativ günstig: pro Quadratmeter kostete es rund 2.800 Euro. Heute rechnen ähnliche Projekte mit einem Quadratmeterbaupreis von rund 3.400 Euro.
Aufgrund der Förderrichtlinien der KfW wurde nach dem damals geltenden Standard „Effizienzhaus 70“ gebaut. Deswegen wurde in Haus A ein Blockheizkraftwerk (BHKW) eingebaut und auf gute Dämmung gesetzt. Trotzdem gab es im heißen Sommer 2026 vor allem vonseiten der Dachgeschossbewohner*innen bereits Überlegungen, auf eine Wärmepumpe umzurüsten, mit der auch eine Kühlung über die Fußbodenheizungen möglich wäre. Vorerst wurde diese Idee allerdings zurückgestellt.

Bewohnerin an ihrer Wohnungstür
Wohnungszutritt vom Laubengang aus
Haus A Außenansicht
Außenansicht Haus A

 

Blumenschmuck vor den Türen
Laubengang mit Deko

Welche Herausforderungen haben sich im Lauf der Zeit herauskristallisiert?

Ein Thema ist hier wie überall: Die Finanzierung. Aktuell, kurz vor dem Auslaufen der 10-jährigen Förderkredite von 2,3% Zinsen und deren Umwandlung Kredite mit 3,7% Zinsen, muss wieder geschaut werden, wie diese zusätzliche Belastung von etwa 5000 Euro pro Jahr ausgeglichen werden kann. Die Mieten im Haus A liegen etwa 1-2 Euro unter dem Soester Mietspiegel für Neubauten (5,79 € mit WBS, 8,13 € ohne). Sie können durch die restriktiven Regelungen für geförderte Wohnungen im Haus A nicht beliebig erhöht werden. Der Vorstand hat sich für eine Erhöhung in drei Schritten (2024,2026,2028) entschieden, die bei den nicht geförderten Wohnungen um 7 Prozent liegt, während sie bei den geförderten Wohnungen nur bei jeweils 5% liegen darf. 
Dies ist einer der Gründe, warum Dirk Röttger, der seit Beginn für die Buchhaltung und Finanzierungplanung zuständig ist, heute nicht mehr unbedingt die Genossenschaftsform und das geförderte Wohneigentum für ein Projekt wählen würde: Die Regularien für beide Formen sind sehr streng, sie lassen wenig Spielraum für nachträgliche Änderungen. Und: Es gäbe auch manchmal Unstimmigkeiten zwischen den Menschen mit mehr und denen mit wenig Geld. Beispielsweise sollte bei Entdecken des Planungsfehlers zu Baubeginn einmal die Mindesteinlage für einen Genossenschaftsanteil von 500 auf 600 Euro erhöht werden. Zwei Mitglieder haben dagegen geklagt und Recht bekommen. Genossenschaftliche Kosten müssen langfristig berechenbar sein. Es bleibt dem Erfindungsreichtum der Genossenschaft oder auch der Finanzkraft einzelner Mitglieder vorbehalten, später auftauchende Finanzierungslücken zu stopfen. Wenn bei geplanter Vermietung die nötigen Genossenschaftsanteile nicht erworben werden können, dann besteht für andere Genossenschaftler*innen die Möglichkeit, freiwillig Solidaritätsanteile ohne Verzinsung bei 5 Jahren Kündigungsfrist zu übernehmen. 

Im Rückblick erkannt: Fehl-Planungen

Eine weitere Erfahrung würde Dirk Röttger an neue Bauprojekte weitergeben: Es hat sich nicht bewährt, den Grundriss der Wohnungen von künftigen Bewohner*innen individuell gestalten zu lassen. Daraus sind bereits Probleme entstanden: Wenn beispielsweise eine Abwasserleitung nicht von einer zur nächsten Etage mit maximalem Gefälle auf kürzestem Weg verläuft, sondern wegen unterschiedlicher Anordnung der Bäder quer entlang einer Etagenwand, kann sich an dieser Stelle eine unangenehme Geruchsentwicklung ergeben. Oder: Wenn aufgrund individueller Vorstellungen ein Zugang zum Badezimmer nur vom Schlafzimmer aus geplant wird, bedeutet dies, dass in dieser Wohnung alle Gäste beim Toilettenbesuch durch das Schlafzimmer gelotst werden müssen. Solche Besonderheiten erschweren die Vermietbarkeit und bedeuten unter Umständen finanzielle Belastungen für die Hausgemeinschaft. Individuelle Ausstattungen wie Bodenbeläge, die vom Standard abweichen, oder zusätzliche Steckdosen waren weniger problematisch und wurden von den Bewohner*innen jeweils selbst finanziert.

Wie ist die Situation im Haus für Alle nach 9 Jahren Projektlaufzeit?

Der aktuelle jährliche Haushalt des Hauses für Alle beläuft sich auf rund 160.000 Euro. Durch die Genossenschaftsform muss jährlich eine Wirtschaftsprüfung für den Jahresabschluss durchgeführt werden. Einerseits ist dies ebenfalls ein enges Korsett, andererseits eine gute Kontrolle und eine gewisse Sicherheit, dass das Projekt vor einer plötzlichen Insolvenz schützen soll, so Dirk Röttger. Alle Aufgaben in der Genossenschaft werden ehrenamtlich erledigt, so fallen keine Kosten etwa für eine Hausverwaltung an. Für Banktransaktionen sind 2 Unterschriften nötig, hier hat die Genossin Simone Jäger eine kontrollierende Aufgabe. Die Nebenkostenabrechnung wird durch den Genossen Manfred Schmelter erstellt.
Die Möglichkeiten, neben den Mieten regelmäßig Geld einzunehmen sind begrenzt: Der Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss mit direktem, schwellenlosem Zugang von außen wird regelmäßig an verschiedene externe Organisationen vermietet. Der VKM Soest, der den Raum für seine Veranstaltungen nutzt, hat mithilfe einer Förderung der Aktion Mensch die Küche rollstuhlgerecht eingerichtet. Jede Woche finden dort einige Veranstaltungen statt. Aber weitere Vermietungen (zu aktuell 60 Euro pro Tag) wären noch möglich und aus finanzieller Sicht auch wünschenswert, meint Dirk Röttger.
Dirk Röttger ist für viele erster Ansprechpartner, wenn es um Probleme in der Anlage geht: Wenn Nachbarn zu laut sind oder wenn Müll nicht getrennt wird. Allerdings greift oft sein Motto : „Wen es stört, der macht es weg.“ Die Hausordnung besagt außerdem: Probleme unter den Mieter*innen regeln die Mieter*innen. Wenn dies nicht funktioniert, wird eine Mediation durch entsprechend ausgebildete Bewohner*innen angeboten. Darauf müssen sich die Beteiligten allerdings einlassen, wenn sie gelingen soll. 

Gruppenfoto Gemeinschaftsraum
Einige Bewohner*innnen und Gäste

Wie wird heute Gemeinschaft gelebt?   

Der Gemeinschaftsraum im Haus A ist das Herzstück des Wohnprojektes. Dort finden vierteljährlich Bewohnerversammlungen statt, die Ideen und Vorschläge für Beschlüsse einbringen, die vor allem der Vorstand anschließend in die Praxis umsetzt.
Außerdem hat sich eine Kochgruppe aus drei Bewohner*innen: Gerlind, Regina und Herbert gefunden, die mit großer Freude jeden Dienstag dort kocht. Regina und Herbert sind bei der Suche nach einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt von Dortmund aus hierhergezogen. Sie genießen ihr Leben hier. Wer am gemeinschaftlichen Mittagessen teilnehmen möchte, kann sich vorab per Mail bei Herbert anmelden. Gegen einen Unkostenbeitrag von 4 Euro gibt es leckere, frisch gekochte Hausmannskost. Von Regina werden die Zutaten möglichst regional und nachhaltig eingekauft. Wer nicht selbst in den Gemeinschaftsraum kommen kann, bekommt das Essen auch gebracht. Viele Bewohner*innen sind regelmäßig dabei. Manche helfen dem Kochteam spontan bei den Vorbereitungen. Übers Jahr „spart“ die Kochgruppe auf ein großes gemeinsames Weihnachtsmenü: dann wird immer etwas Besonderes und Neues von „Chefkoch“ Herbert ausprobiert und die gemeinsame Tafel sehr stimmungsvoll dekoriert.
Auch in der alltäglichen Runde ist die Gemeinschaft spürbar. Alle kennen sich, es werden Neuigkeiten ausgetauscht, über allgemeines wie persönliches gesprochen, und der Umgang ist herzlich. Hier zeigt sich auch, was die Qualität des gemeinsamen Wohnens ausmacht: Es gibt regelmäßigen, verlässlichen Austausch und es können spontan Verabredungen getroffen werden. Auch wenn manche sich schnell wieder ins Private zurückziehen, sei es aus gesundheitlichen Gründen oder zeitbedingt: Es ist niemand komplett außen vor. 

Herbert und Regina
Herbert und Regina in der Gemeinschaftsküche
Gerlind
Gerlind hilft bei den Vorbereitungen

Nachlassendes Engagement für Außenanlagen

Dennoch bedauert Dirk Röttger, dass nicht alle Genossenschaftsmitglieder gleichermaßen das Bewusstsein haben, dass dieses Haus für Alle im Grunde ihr Eigentum ist. Mieter*innen neigen seiner Erfahrung nach dazu, im Lauf der Zeit in ihrem Engagement etwas nachzulassen. An einem zweimal jährlich angesetzten Aufräumtag beteiligen sich auch immer weniger der Bewohner. Seine Beobachtung ist vermutlich auch darauf zurückzuführen, dass der überwiegende Bewohner*innenteil die sechs Lebensjahrzehnte inzwischen überschritten hat und möglicherweise mehr mit den Energien haushalten muss. Noch macht Dirk Röttger sich keine großen Sorgen, wie es mit den Aufgaben rund um die Genossenschaft weitergeht. Die Bewohnerschaft ist gut ausgebildet und in der Stadtgesellschaft vielfältig vernetzt. Und es gab bisher nur wenig Fluktuation in den zwei Häusern: In acht Jahren sind nur vier Neuvermietungen erfolgt: Drei aufgrund von Sterbefällen und eine aufgrund beruflicher Neuorientierung.

Wie werden Wohnungen vergeben? 

Wenn Wohnraum neu vergeben werden muss, gibt es laut Dirk Röttger eine Art Casting für Interessierte, mit einem sonntäglichen Kennenlernfrühstück: Natürlich fragt die Gruppe bei dieser Gelegenheit auch danach, welchen Beitrag Neue für die Hausgemeinschaft leisten können. Nur mit nachrückenden Engagierten kann die Organisation dauerhaft funktionieren. Allerdings wünscht sich wohl niemand, dass hier kurzfristig ein weitreichender Generationenwechsel in der Bewohnerschaft stattfindet. Das Hausprojekt ist auf Langfristigkeit angelegt. Wer Bedarf an Assistenz oder Pflege hat, organisiert dies eigenständig. Daher stehen oft Fahrzeuge von drei verschiedenen Pflegediensten auf den Parkplätzen vor dem Haus.
Die Pflegedienstleiterin eines kleinen Pflegedienstes, Sharon Leslie, ist begeistert von der Atmosphäre im Haus für Alle: Sie sei als Pflegekraft schon richtig ins Haus „reingewachsen“ beschreibt sie ihre Position hier. „So eine Herzlichkeit“, empfindet sie im Umgang miteinander. Sie selbst würde ebenfalls gern so leben. Im Prinzip ist hier jeden Tag etwas los, mal werde zusammen bei dem einen Fußball geguckt, mal bei dem anderen Rummicup gespielt, und wenn beispielsweise bei Hillberger/Röttger gekocht wird, dann werden sich Leute eingeladen, manche leben schließlich auch allein. „Toll!“ findet sie. „Man kann viel lernen von diesem Haus.“

Kristin
Kristin
Friedhelm
Friedhelm
Simone
Simone

Bewohner*innenstimmen 

Kristin Eisen und ihr Mann Volker haben sich vor Jahren für das gemeinschaftliche Wohnprojektleben entschieden. Ursprünglich pendelten sie aus Hamm zu ihren Arbeitsstellen in Soest. Bereits während der Planungsphase wurden sie Mitglieder beim Haus für Alle. Auch Kristins Mutter Gerlind konnten sie für das Projekt begeistern. Sie wohnte nach dem Tod ihres Ehemannes allein im eigenen Haus. Das Haus war ihr zu groß, und sie wollte nicht allein in der Stadt wohnen. Daher zog sie ebenfalls im Haus für Alle ein und hat diesen Schritt nie bereut, obwohl sie ihren alten Bekanntenkreis und das vertraute Umfeld nach immerhin 40 Jahren aufgeben musste. Zu einigen Lippstädter Freund*innen hat sie immer noch Kontakt und ist entsprechend viel unterwegs. Sie meint: „Im Haus für Alle fühle ich mich sehr wohl- ich habe hier sehr viele sozial eingestellte Menschen um mich herum. Und ich bin selbst ein offener Mensch.“ Positiv findet sie, dass sie stadtnah wohnt, Ärzte und Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe vorfindet und außerdem mit dem Auto sehr schnell in schöne Orte der Umgebung, z.B. Bad Sassendorf oder den Möhnesee erreichen kann. Ursprünglich war ihr Plan, sich gärtnerisch im Gemeinschaftsgarten am Haus zu betätigen. Da hat ihre Gesundheit ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht. Deswegen ist sie Teil der Kochgruppe geworden und genießt seitdem die gemeinsame Zeit in der Küche: „Herbert und Regina sind meine besten Freunde“. Wie zur Bestätigung lädt Regina sie spontan von ihrem Balkon aus zu einer Tasse Kaffee ein. „Ich fühle mich hier geborgen“ meint Gerlind. „Wenn es mir schlecht gehen würde, sind da Menschen, die mir helfen würden,“ ist sie überzeugt. Auch wenn jemand aus der Hausgemeinschaft ins Krankenhaus muss, wird immer dafür gesorgt, dass der Kontakt nicht abreißt. 
Familie Eisen nutzt zeitweise den Gemeinschaftsraum für Treffen mit weiteren Verwandten, so wie es jedem Genossenschaftsmitglied einmal im Jahr kostenlos zusteht. Durch die Planungsphase haben sie die künftigen Nachbar*innen bereits vor dem Einzug kennengelernt. Anonymes Wohnen war nicht ihr Ding, sie schätzen gute nachbarschaftliche Kontakte und nutzen gerne Angebote vor Ort, wie die Qi Gong-Gruppe „For seniors“, die sich wöchentlich im Gemeinschaftsraum trifft. Kristin Eisen engagiert sich im Projekt, indem sie die vierteljährlichen Bewohnerversammlungen mit organisiert. Als Musiklehrerin hat sie auch schon mal ein Hofkonzert gegeben, als die Bewohner*innen wegen Corona sich nicht nahekommen durften. Ihr Mann Volker ist Mitglied im Vorstand. Nach dem gemeinsamen Dienstags-Essen brüht er mit seiner privaten Kaffeemaschine auch schon mal einen guten Espresso für alle auf. 

Ein weiteres Vorstandsmitglied ist Wolfgang Glaremin, der von Anfang an bei der Planung des Hauses für Alle mitgewirkt hat. Sein persönliches Anliegen war die Schaffung von barrierefreiem Wohnraum für sich und seine Ehefrau, die er 15 Jahre lang gepflegt hat. Ihr voriger Wohnort ließ sich nicht entsprechend umbauen. Lediglich eine Verlegung des Schlafzimmers ins Erdgeschoss war möglich. Türbreiten von 50 cm machten eine durchgängige Rollstuhlnutzung unmöglich. Der Einzug ins Haus für Alle brachte ihm und seiner Frau einen großen Gewinn an Lebensqualität. Mit Ralf Hillberger verbindet ihn eine langjährige Vertrautheit, da seine Ehefrau vormals Begleitperson für „den kleinen Ralle“ beim DRK war. Allerdings ist seine Frau ein Jahr nach dem Einzug verstorben und so sehr, wie Herr Glaremin die gute Hausgemeinschaft schätzt: Als Witwer ist er auch viel außer Haus unterwegs, um nicht allzu lange mit seinen Erinnerungen allein zu sein. Da er beruflich als Projektleiter in der Stadthalle tätig war, ist er gerne unter Leuten. Sein bisher schönstes Erlebnis im Haus für Alle war das Richtfest, als das Haus noch im Rohbau war, und jeder sich ganz natürlich überall bewegen konnte. 

Ein Bewohner aus Haus B, Friedhelm Röttgers outet sich als ältester Wohnprojektler mit 85 Lebens-Jahren. Auch er war von 2013 an mit in die Planung involviert und hat für Haus B früher die Geschäftsführung übernommen (GbR). 30 Jahre lang hat er vorher in Warstein in einem Einfamilienhaus mit Ehefrau und Kindern gelebt. Dann sind die Kinder ausgeflogen (eins sogar bis nach Australien) und das Haus wurde zu groß. Wichtigster Beweggrund für den Einzug ins Wohnprojekt war die Gemeinschaft in den Häusern. Er sieht die Häuser eher eigenständig und findet die Berührungspunkte zwischen A und B nicht besonders groß. Innerhalb der Häuser sei die Gemeinschaft stärker, da würde man spontan zusammenkommen, Dinge organisieren und zusammen feiern.

Wolfgang
Wolfgang
Gerlind
Gerlind
Vorstand im Gespräch
Vorstandsmitglieder Volker, Wolfgang, Dirk

Simone Jäger ist kurz nach den übrigen Bewohner*innen, im August 2017 ins Haus für Alle gezogen. Vorher hat sie in Warstein bei ihren Eltern gelebt. Deren Wohnhaus war aufgrund von Treppen nicht barrierefrei. Über Freunde erfuhr sie vom Haus für Alle. Beruflich ist sie für die Firma von Heinz Werner Einhoff (ebenfalls eine treibende Kraft bei den Planungen für das Haus für Alle) „Assistenz- und Budgetberatung“ bundesweit als Beraterin tätig. Gemeinsam mit Kolleg*innen arbeitet sie in Büroräumen im Erdgeschoss des Hauses A, die direkt an den Gemeinschaftsraum anschließen. Auf ehrenamtlicher Basis erledigt sie die Rechnungskontrolle und Zahlungsfreigaben und bietet so dem Vorstand eine gute Rückversicherung. Simone Jäger genießt die Möglichkeit, an drei Tagen der Woche an Treffen im Gemeinschaftsraum teilzunehmen, beispielsweise am Mittagessen oder dem offenen Stammtisch des VKM. Ihre bisherigen gemeinschaftlichen Highlights waren die Hoffeste mit Musik, Tänzen der Tangogruppe und Flohmarktständen.

 Ralf Hillberger, Ehepartner von Dirk Röttger, war ebenfalls von Beginn der Planungsphase an beim Haus für Alle beteiligt. Er genießt den freien Blick, den er vom obersten Geschoss aus über das Gelände hat. Sein Hauptgrund für den Einzug hier war die Gemeinschaft. Seine vorherige Wohnung bot ihm als Rollstuhlnutzer zwar auch Barrierefreiheit, war aber relativ anonym. Schon im Alter von 18 Jahren war er aus dem Elternhaus ausgeflogen und wohnte seitdem allein und selbstorganisiert in Soest. Sein Ehemann Dirk ergänzt: „Wir haben uns über das Internet kennengelernt. Behinderte Menschen habe ich vorher so noch nicht gesehen.“ Dass sein Mann Ralf einen extrem starken Willen habe, hat Dirk schon damals an seinem selbstbestimmten Lebensstil erkennen können. Nach einer Einstiegsphase in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung, konnte Ralf eine kaufmännische Berufsausbildung machen. Die Zeit in der Werkstatt hat er in schlechter Erinnerung: „Für mich war das teilweise die Hölle auf Erden.“ Die Ausbildung musste er sich erkämpfen. Bis heute ist er als Buchhalter tätig, und hat sich davon auch nicht durch einen Schlaganfall vor drei Jahren, dessen Folgen ihn weiter eingeschränkt haben, abhalten lassen. Entgegen ärztlichen Prognosen hat er auch nach Ablauf des ersten Genesungsjahres durch viel Disziplin weitere Fortschritte gemacht. Zu seinem Leben im Haus für Alle sagt er: „Im Großen und Ganzen wohne ich gern hier. Manchmal gehen mir einzelne auf den Wecker, aber das hat man überall. Es sind Kleinigkeiten, die einen im Alltag stören.“ Positiv findet er die Hausgemeinschaft, er kennt alle anderen Hausbewohner*innen. Sein persönliches Highlight der letzten Jahre war die Hochzeit mit seinem Ehemann. Neben einer großen Feier im Hotel mit 80 Gästen, die noch unter Coronabedingungen stattfand, bekamen er und sein Mann auch ein Ständchen von den Hausbewohner*innen. In der Coronazeit hat er die Hausgemeinschaft besonders stark empfunden: Es wurde beispielsweise gemeinsam für das Pflegepersonal Musik gemacht: unten im Hof instrumental und mit Gesang von den Laubengängen.  
Ralf Hillberger ist fast täglich im Gemeinschaftsraum zu finden: Zweimal pro Woche nimmt er am Rehasport teil, dann ist er beim VKM-Treffen und beim gemeinsamen Essen dabei- ihm wird es eher zu viel an Aktivitäten. Neben günstigen Getränkeangebote für den Gemeinschaftsraum organisiert er den Sommer über verschiedene gemeinschaftliche Fahrradtouren in die Umgebung. Vor seinem Schlaganfall konnte er spontan allein mit seinem E-Bike losfahren und fuhr oft 65 Kilometer weit. Heute macht er keine Alleingänge mehr, sondern sucht sich immer Begleitung für seine Unternehmungen. Praktischerweise lässt sich sein E-bike bis in den Fahrstuhl und von dort in die Fahrradraum im Keller fahren. 
Sein Ehemann Dirk ist der Liebe wegen beim Haus für Alle dabei. Ursprünglich hat er im Bergischen gelebt. Er ist froh, im Haus für Alle als schwules Paar keine Homophobie erleben zu müssen. Bis vor ein paar Jahren war der gelernte Kaufmännische Angestellte im Controlling tätig. Das hat ihn für die Buchhaltung im Haus für Alle prädestiniert- die ihm über die Jahre sicherlich schon viele Sorgen und einiges an Arbeit beschert hat. Dennoch ist er von Projektbeginn an Vorstandsvorsitzender und denkt offenbar nicht ans Aufhören.

Ralf bereit zur Radtour
Bereit für eine Fahrradtour
Nie ohne Helm 
Blick über den Wohnprojekthof
Ralf
Ralf – ohne Helm
Dirk parkt das Rad per Aufzug
Das E-Bike passt perfekt in den Aufzug

Link Zur Website des Wohnprojekts: